Der Hirsch

Der Mond schien silbern auf das Land,
weiße Nebelschwaden stiegen
empor vom See am Waldesrand
und blieben auf ihm liegen.
Kein Ruf durchbrach der Stille Macht,
den letzten Laut erlischend
und doch befreiend schien die Nacht,
die kühle Luft - erfrischend.
Es war als hielte in Erwarten
die ganze Welt den Atem an.
Wer weiß in diesem Gottesgarten,
was jetzt noch kommen kann?
Der See schien tot und doch war helle
vor Sternefunkeln sein Gesicht.
Nichts rührte sich dort von der Stelle,
still wartend bis der Tag anbricht.
So mächtig wie des Adlers Flügel,
war auf dem Hirsche sein Geweih.
Er stand ganz einsam auf dem Hügel
unweit des Ufers. Er witterte Blei.
Der Schuss zerriss sein Herz entzwei,
noch ehe er den Ton vernahm.
Und niemand hörte seinen Schrei,
der ihm nicht von den Lippen kam.
Ein leises Seufzen war zu hören,
vom Schmerze zeugend, den er litt.
Ein letztes, ruhiges, stolzes Röhren,
während sein Leib zu Boden glitt.
Als dann sein Abschiedsgruß verklang,
war wieder Stille um ihn her.
Kein Wind, kein Ton, kein Vogelsang
erklang in diesem Garten mehr.
Der Mond war lange schon verschwunden,
die Nacht noch kälter als zuvor.
Doch er, der Hirsch, hat Ruh' gefunden,
als er sein Leben hier verlor.

17 January 2016 – Verse 1-5

15 November 2020 – Verse 6-9

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