Eine wahre Geschichte aus dem Inneren des Herzens eines Mannes
Kapitel 1 – Servus
Servus, ich bin Servus. Ich bin Sklave. Zwar habe ich mich noch nicht damit abgefunden, aber ich werde wohl nie wieder frei sein. Keiner weiß von mir. Keiner – außer meinem Herrn. Sein Name ist Frank und er hält mich nun schon sieben Jahre gefangen und verborgen. Ich vermute ich bin nicht der einzige Sklave auf der Welt. Tatsächlich glaube ich sogar, dass jeder freie Mann einen Sklaven verborgen hält, von dem niemand sonst etwas weiß. Wer weiß, vielleicht macht das ja sogar einen freien Mann aus? Vielleicht ist nur derjenige Mann frei, der sich einen Sklaven hält? Womöglich bedarf die Freiwerdung eines Menschen erst der Verknechtung eines anderen? Ich weiß es nicht.
Jedenfalls bin ich nun schon seit sieben Jahren ein Sklave und versuche seitdem, meinem Herrn das Leben schwer zu machen. Er hat wohl gedacht, ich würde ihm treu und ergeben dienen. Hah, dass ich nicht lache! Weit gefehlt! Natürlich kann er mich hin und wieder zu irgendeiner Arbeit zwingen, aber die meiste Zeit verbringe ich eigentlich damit, mir Pläne auszuhecken, wie ich mich an meinem Herrn rächen kann. Mein größter Wunsch ist es, ihn eines Tages umzubringen. Aber es gibt ein Problem. Mein Herr scheint mir immer just um ein paar Schritte voraus zu sein. Manchmal habe ich gar das Gefühl, er könne die nächsten Schritte meines Planes vorausahnen, ganz so, als gäbe es irgendwo einen Verräter, der ihn über meine Mordpläne aufklärt. Aber das ist unmöglich. Keiner außer mir weiß von meinen Plänen. Ja, keiner weiß ja überhaupt von meiner Existenz!
Ich weiß ja nicht, warum mein Herr mich überhaupt noch hält. Es ist nicht zu übersehen, dass er mich mit ebenso bodenloser Verachtung hasst, wie ich ihn. Das merkt man allein schon daran, dass die meisten Aufgaben, die er mich zu tun zwingt, dem alleinigen Zweck dienen, mich zu erniedrigen. Er scheint wohl Genugtuung aus meiner Demütigung zu schöpfen. Was sonst würde ihn davon abhalten, mich endlich ein für alle mal umzubringen? Ob er wohl das Geheimnis kennt? Es gibt nämlich ein Geheimnis, ich verrate es euch aber. Und zwar gibt es nur einen Weg, wie Frank mich umbringen könnte. Wobei, wenn ich so darüber nachdenke, dann erzähle ich es euch lieber später. Alles der Reihe nach. Erst einmal möchte ich euch etwas über das Sklavenleben berichten. Ich habe nämlich gemerkt, dass man in der heutigen Zeit gar keine Vorstellung mehr davon hat, was es heißt, ein Sklave zu sein.
Kapitel 2 – Das Sklavenleben
Ein Sklave hat kein Leben. Er ist schon tot. Das ist das einzige, was es seinem Herrn ermöglicht, ihn jeden Tag aufs Neue durch allerlei Erniedrigungen wieder und wieder zu töten. Ja, wenn ich noch am Leben wäre, mein Herr hätte mich nicht einen Tag unterdrückt halten können. Nun aber bin ich ein Untoter – ein Toter, der immer wieder von seinem Herrn getötet wird, ohne je wirklich für immer zu sterben. Ich denke, ich könnte eigentlich wieder zu neuem Leben erwachen und meinen Herrn besiegen, wenn dieser mir nur etwas Zeit zwischen seinen Erniedrigungen ließe, sodass ich etwas zu Kräften kommen könnte. Aber bis jetzt ist das noch nie der Fall gewesen. Immer und immer wieder lässt er sich irgendeine neue erniedrigende Aufgabe für mich einfallen. So, als wäre das die einzige Freude in seinem Leben.
Apropos Freude, ich muss euch mal von einem Anschlag erzählen, den ich auf ihn verübt habe, der mit ebendieser zu tun hatte. Aber lasst mich erst noch kurz den Bericht über das Sklavenleben zu Ende führen.
Nicht nur hat ein Sklave kein Leben, er hat auch kein eigenes Hab und Gut. Seit mich Frank versklavt hat, habe ich nichts mehr, was ich mein Eigen nennen könnte. Er hat alles für sich selbst beansprucht und verschleudert jetzt alles was mir zusteht für seine Freunde und sogar Fremde, nur damit ich nie mehr etwas davon haben kann. So nackt, wie ich geboren wurde, so nackt bin ich auch jetzt. Ich habe überhaupt nichts mehr, nicht einmal mehr Kleidung, die ich mein nennen könnte. Das Einzige, was ich habe, ist mein nacktes Selbst und nicht einmal darüber kann ich verfügen, sondern muss ständig diese widerwärtigen Aufgaben erledigen, zu denen Frank mich zwingt.
Die Aufgaben sind dabei unterschiedlichster Natur und wiederholen sich nur äußerst selten. Um alle Aufgaben, die ich in den letzten sieben Jahren für Frank erledigt habe, aufzuzählen, reicht mir weder der Atem noch das Papier. Also seien die drei Aufgaben genannt, die sich am tiefsten in mein Gedächtnis eingebrannt haben und die ich so schnell wohl nicht wieder vergessen werde.
Aufgabe 1
Eines Tages kam Frank von der Arbeit nach Hause und fand mich an meinen Mordsplänen tüftelnd vor. Er fragte mich, womit ich mich den ganzen Tag beschäftigt hätte. Die Wahrheit konnte ich ihm natürlich nicht sagen, sonst könnte ja mein ganzer Plan schief gehen. Also sagte ich, ich hätte die meiste Zeit damit verbracht, meinen Kerker sauber zu machen. Er tat als glaubte er mir, doch natürlich wusste ich, dass er so unverhohlenen Lügen niemals auf den Leim gehen würde. Jedenfalls lautete sein folgender Befehl: „Ach dann lass uns doch gleich alles ins Reine bringen! Als nächstes gibst du eine Zeitungsannonce auf, die deine ganze Beichte enthält! Jede einzelne Tat, die je dein Gewissen berührt hat muss darauf stehen! Wenn du auch nur eine einzige auslässt, kannst du dich auf ein schönes blaues Wunder gefasst machen. Und das muss mit deinem Namen unterzeichnet sein!“
Das war die Gelegenheit! Jetzt würden andere von meiner Existenz erfahren! Vielleicht würde ich es ja sogar schaffen, versteckte Botschaften durch diese Annoncen nach außen dringen zu lassen.
Ich machte mich also an die Arbeit. Ich wusste, ein Tag würde für diese Aufgabe nicht reichen und eine Zeitungsausgabe auch nicht. Sechs Monate lang kaufte ich jeden einzelnen Tag eine ganze Seite der lokalen Tageszeitung, um darin meine Beichte in der kleinsten verfügbaren Schrift abzudrucken. Das Geld für die Annoncen musste ich mir bei Frank durch Erledigung verschiedener Aufgaben im Haushalt erarbeiten.
An manchen Tagen kam wieder etwas hinzu und die Liste wurde länger, sodass ich oft enttäuscht feststellen musste, dass es doch wieder länger dauern würde als gedacht, bis ich die Aufgabe erledigt hätte. An anderen Tagen fragte ich mich, ob dieser Zeitpunkt wohl überhaupt jemals eintreten würde. Doch nach sechs Monaten war es dann endlich soweit. Ich hatte jede einzelne Tat, jedes einzelne Wort und jeden einzelnen Gedanken, mit dem sich mein Gewissen je beschäftigt hatte, in der Tageszeitung abgedruckt. Außerdem hatte ich kleine Hinweise mit im Text versteckt, die Aufschluss über meine Person und mein Befinden gaben. So würde ich, wenn nicht befreit werden, so doch wenigstens Frank etwas schaden. Dachte ich.
Tatsächlich war das ganze jedoch nur einer von Franks fiesen Tricks. Meine „Annoncen“ hatten die Zeitung nie erreicht. Frank hatte sie alle gesammelt und fein säuberlich in seinem Arbeitszimmer in der untersten Schublade seines Schreibtischs versteckt.
Aufgabe 2
Eines anderen Tages, es war Sonntag, sagte Frank, nachdem er den ganzen Tag dem Müßiggang nachgegangen war, er hätte eine neue Aufgabe für mich. Ich solle ihm doch die drei gravierendsten Taten nennen, die ich in den sechs Monaten in der Zeitung veröffentlicht hatte – die Dinge, für die mich mein Gewissen am heftigsten bestraft hatte. Nachdem ich sie ihm genannt hatte, sagte er etwas, das ich nicht glauben konnte. Er befahl mir, dieselben Dinge noch einmal zu tun und ihm darüber Bericht zu erstatten.
Es gab wohl kaum etwas in meinem Leben, das mir so schwer fiel wie diese Aufgabe. Es kostete mich ungeheuerliche Überwindung und dauerte eine ganze Weile, bis ich endlich soweit war. Aber ich hatte keine Wahl. Ich entscheide, wie gesagt, als Sklave nicht über mein Leben.
Noch länger dauerte es als ich die Aufgabe erfüllt hatte, bis die inneren Schmerzen darüber nachzulassen begannen. Das Sklavenleben ist ohnehin kein Zuckerschlecken. Diese Zeit war jedoch auf ganz besondere Weise grausam.
Aufgabe 3
Kaum hatte ich mich von der letzten Aufgabe zu erholen begonnen, da kam Frank schon wieder mit einem neuen Befehl um die Ecke. Ich solle ihm doch bitte alle meine Zeitungsannoncen auswendig aufsagen. Er brachte mir nur zu diesem Zweck all die Seiten aus seinem Schreibtisch wieder mit, damit ich sie auswendig lernen konnte. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass sie nie das Licht der Welt gesehen hatten.
Jeder Tag, an dem ich mich mit dieser Aufgabe beschäftigte, war ein grausamer Tag, denn ich konnte einfach nichts vergessen. Ich musste mir alles, wofür mich mein Gewissen je angeklagt hatte, wieder und wieder vor Augen führen und auswendig lernen und die gesammelten Schmerzen noch einmal durchmachen.
Doch auch diese Aufgabe habe ich gemeistert und eines Tages konnte ich Frank die ganzen 180 Seiten auswendig vortragen. Nicht, dass er das geringste Interesse daran gezeigt hätte. Aber er hatte es mir befohlen und ich musste mich seinem Willen beugen.
Doch wie mich diese Aufgabe in meinem Wunsch befeuert hat, Frank Schaden zuzufügen! Ich musste dringend etwas unternehmen, denn so konnte es nicht weitergehen. Ich grübelte Tag ein, Tag aus und hatte sogar manchmal Einfälle, die ich mit mehr oder weniger Erfolg auch in die Tat umsetzen konnte. Einen Anschlag auf Frank habe ich ja schon erwähnt, über den möchte ich euch jetzt mal mehr erzählen.
Kapitel 3 – Der Anschlag
Einer meiner genialsten Einfälle überhaupt wurde mir eines Tages ganz unverhofft vom Schicksal in die Hände gespielt. Ich wusste nämlich, dass Frank seine kleine Freundin Freude als den größten Schatz betrachtet, den er besitzt. Und so kam es, als ich wieder einmal in tiefes Nachgrübeln vertieft war, was denn mein nächster Anschlag gegen Frank sein würde, dass ich, als ich meine Augen hob, Freude ganz unbeobachtet dastehen sah. Sie war wirklich wunderschön anzusehen. Sie ist überhaupt nicht auffällig oder groß, sogar noch viel kleiner als ich sie mir nach allen Erzählungen vorgestellt hatte. Aber schön ist sie allemal. Ihre schöne Gestalt wird von einem Haupt gekrönt, das mit aller Kraft ein geheimnisvoll verklärendes Licht zu unterdrücken scheint. So, also würde die Sonne selbst sich aus ihrem Lächeln und ihren Augen Bahn brechen wollen. Und um das Gesicht kräuseln sich tanzend lustige Locken, wie das erste goldene Herbstlaub im letzten Atemzug des warmen Sommerwindes sich kräuselt.
Nachdem ich für einen Augenblick von ihrer Schönheit gebannt innegehalten hatte, schaute ich mich um, aber es war weit und breit niemand zu sehen. Das war die Gelegenheit meines Lebens! Nun konnte ich es Frank ein für alle Mal heimzahlen! Ich sprach sie an. Sie antwortete. Wieder erstarrte ich, wie vom Blitz getroffen, mitten in der Bewegung. Mit solch einer deutschen Klarheit sprach sie, dass mir davon das Herz in der Brust wie kaltes Glas zersprang. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass sie nicht einmal Deutsche ist. Sie ist überirdisch. Aber mein altes deutsches Herz wird nun mal durch solch Klarheit erregt. Ich fuhr fort, mit ihr zu reden und umkreiste sie mit vorsichtigen Schritten, ohne meinen Blick von ihr und ihren Augen abzuwenden, die es im Übrigen sowieso nicht erlauben, seinen Blick von ihnen abzuwenden. Was habe ich doch für einen Sklavengeist! Sogar durch Blicke werde ich gefangen und muss gehorchen. Aber das war die Gelegenheit meines Lebens und ich würde sie mir auch nicht durch schöne Augen nehmen lassen. Als sich der perfekte Moment dann endlich ergab, stülpte ich ihr plötzlich mein Fangnetz über und band und knebelte sie, sodass keiner ihre Rufe je hören würde.
So entführte ich kurzerhand Freude und versteckte sie tief im innersten Winkel des Kerkers, in dem Frank mich gefangen hält. So tief, dass nur ich diesen Bereich des Kerkers kenne und nicht einmal Frank, dem der Kerker ja eigentlich gehört. So tief ins Dunkle traut sich der alte Feigling eh nicht. Dachte ich! Aber leider kam alles ganz anders, als ich es mir erhofft hatte. Anfangs bereitete es mir noch die größte Genugtuung meines ganzen Sklavenlebens. Solch eine Freude hatte ich in den ganzen sieben Jahren noch nicht gehabt. Ich beobachtete Frank, wie er hin und her lief, alle seine anderen Freunde abklapperte und überhaupt jeden fragte, mit dem er jemals etwas zu tun gehabt hatte. Selbstverständlich ohne Erfolg, denn der Einzige, den er nicht fragte und zugleich der Einzige, der um den Verbleib Freudes wusste, war ich. Welch aufregende Zeit ist das gewesen. Ich konnte nachts davon nicht einschlafen, dass ich mir immer wieder vorstellte und vor Augen führte, wie Frank nun langsam aber stetig verkümmern und schließlich dahinsiechen würde, ganz so wie ich hier in meinem erbärmlichen Kerker. Sein Schatz hatte alles für ihn bedeutet. Er war das, womit er ständig vor allen anderen geprahlt hatte, denn nur die wenigsten anderen Menschen konnten damit prahlen, mit so einem wunderschönen kleinen Ding befreundet zu sein, wie Frank mit seiner Freude.
Und in meiner Schlaflosigkeit konnte ich beobachten, wie auch bei Frank noch lange in die Nacht hinein das Licht brannte, er konnte also auch nicht schlafen. Was war das für ein herrliches Gefühl! Das Licht aus den Augen Freudes verwandelte sich hier in der Dunkelheit des Kerkers in schaurig-schöne Schadenfreude. Die Schadenfreude beflügelte meine Phantasie noch mehr, sodass ich auf das Licht aus Franks Kammer starrend, noch viel länger nicht einschlafen konnte. Mich störte da auch nicht das ständige Jammern Freudes aus den innersten Winkeln des Kerkers, das mich sonst eigentlich hätte aus der Haut fahren lassen. Anscheinend war auch sie meinem Herrn gegenüber nicht ganz gleichgültig.
Während ich mich nun, meine Gefühlswallungen nicht hemmen könnend, überglücklich auf meiner Pritsche hin und her wälzte, gab Frank seine Suche auch nach einem halben Jahr nicht auf. Er schrieb Briefe an Freude, die ich natürlich nur mit größtem Vergnügen auch mitlas. Einer solcher Briefe war zum Beispiel folgender:
Freude, meine liebe Freundin, warum gingst Du fort von mir? Vergangen ist mein ganzer Frohsinn und auch ich selbst vergehe schier.
Wie vermisse ich Dein Lachen und Dein bezauberndes Gesicht. Ich will es, doch ich kann nichts machen - ich finde Sinn im Leben nicht.
Nur eines liegt mir auf dem Sinn, ganz einerlei, was ich jetzt tu. Freude, meine liebste Freundin, ich will nur wissen: Wo bist Du?
Weißt Du noch, als wir durch den Wald spazierten an einem Sommernachmittag und alle um uns musizierten mit Vogelsang und Flügelschlag?
Wie Du dann all den Nachtigallen ein neues Lied gedichtet hast, sodass sie eine ganze Nacht in Wallen die Worte sangen, die Du last?
Und weißt du noch, als wir zu zweit den Himmel überquerten? Ich denke oft an diese Zeit als keine Sorgen mich beschwerten.
Als Deine Locken mich entzückten, die spielend Dein Gesicht verzierten, das leuchtend Deine Augen schmückten, die mein Leben ko-regierten.
Wie Du dann aufsprangst um zu tanzen, der ganze Himmel reigte auch. Ich brach für Dich eintausend Lanzen doch heute steh' ich auf dem Schlauch. Wo bist Du hin? Was ist gescheh'n? Hab' ich etwas falsch gemacht? Lass mich doch wenigstens versteh'n. Hab' ich Dich etwa aufgebracht?
Weißt Du noch, wie wir durch den Regen tanzten und uns in Luftschlössern verschanzten? Alles um uns her vergaßen, das Leben in Momenten maßen?
Das Leben messe ich nicht mehr. Es ist für meine Herzenswaage ein jeder meiner Lebenstage an dem du weg bist viel zu schwer.
Mit Sehnsucht denk' ich an die Nächte in denen wir die bösen Mächte mit Dir gemeinsam fliehen lehrten, sodass sie sich zum Teufel scherten.
Jetzt stehen sie vor meiner Tür. Sie wissen, sie ist unbewacht. Sie wissen, öffnen will ich sie nur Dir. Doch steh'n sie da und halten Wacht.
Wolken sind vor Dein Gesicht gezogen, ich sehe es nun oft nicht mehr. Dieselben auf denen wir einst flogen - gefühlte Ewigkeiten her.
Ich war von Deinem Lied besessen, ich wollt' es immer wieder hör'n. Ich habe Dein Gesicht vergessen, als ich es kannte, sang ich gern.
Das Lied, das Du mich einmal lehrtest, davon blieb nur ein einz'ger Ton. Wenn du den Ton einmal gehört hast, weißt du, mein Herz, ich sterbe schon.
Ich bitte dich, du meine Sonne, kehr um und komm wieder zurück. Denn ohne dich ist jede Wonne und aller Reichtum mir kein Glück.
(14 September 2021)
Haha, ist das nicht wunderbar? Er meint also, sie sei ihm von allein davongelaufen, womöglich beschuldigt er sich dabei auch noch selbst! Hach, wie wünsche ich mir doch diese Zeit zurück. Aber dann trat auf einmal eine Wende ein. Frank erinnerte sich plötzlich wieder an mich. Es muss wohl wieder dieser unsichtbare Verräter gewesen sein! Wie konnte Frank sonst wissen, dass ich es gewesen war, der Freude entführt hatte? Ich hatte bestimmt gute Arbeit geleistet und habe auch gewiss keine Spuren von meiner Tat zurückgelassen. Aber wieder einmal war er mir auf unerklärliche Weise auf die Schliche gekommen. Er rief mich zu sich und ließ mich auf dem Folterstuhl Platz nehmen. Dann verhörte er mich. Als er meine gute Laune bemerkte, mit der ich auf seine Fragen antwortete, erlangte er Gewissheit, dass ich wohl etwas mit dem Verschwinden Freudes zu tun haben musste und erklärte mir den Krieg, überzeugt von der Vorstellung, dadurch seine Freude wiederzuerlangen.
Und der Krieg war heftig. So sehr hatte er mich noch nie zuvor misshandelt, geschlachtet und niedergemetzelt.
Kapitel 4 – Der Krieg
Der Krieg begann damit, dass er mich völlig von der Außenwelt abschnitt. Ich durfte nichts mehr von dem mitbekommen, was in der Welt da draußen geschah. Keine Nachrichten, keine Musik, einfach nichts wurde mehr in den Kerker hineingelassen. Und auch von Franks Leben bekam ich nichts mehr mit, denn er hatte alle Fenster verriegeln und Bretter davor anbringen lassen, so wie wenn man sich auf einen gewaltigen Sturm vorbereitet. Ich war nicht mehr nur nackt, ich war nun auch noch blind und ahnungslos und Frank schonungslos ausgeliefert. Er wusste offensichtlich in der Kunst des Krieges sehr wohl Bescheid.
Am Anfang hatte ich wenigstens noch Freude, doch auch das änderte sich bald, denn Frank begann gemeinsam mit einigen seiner Freunde, den ganzen Kerker auszumisten. Sie drangen jeden Tag Stück um Stück tiefer in den Kerker vor und trugen alles hinaus, was ich darin in den letzten Jahren mit großem Aufwand an Plänen, Skizzen und sonstigen Materialien und Gegenständen angesammelt hatte. All diese Gegenstände waren über die Zeit zu einem Teil von mir geworden, denn ich hatte so viel Zeit und Energie in sie hineingesteckt. Frank und seine Freunde brachten überall so helle Lichter an, dass sie selbst sich nur noch mit sehr dunklen Sonnenbrillen in den Kerker hineinwagten. Dabei trieben sie mich immer tiefer in den Kerker hinein, denn ich selbst war dem gleißenden Licht natürlich schutzlos ausgeliefert.
Schließlich hatten sie ihr Ziel erreicht. Der ganze Kerker war leer und von grellem Licht erhellt, das in den Augen schmerzte. Und in der tiefsten Ecke des Kerkers fanden sie mich. Zusammengekauert, meine blutunterlaufenen Augen hinter meinen Händen zwischen meinen Knien vor dem Licht versteckend, völlig zerstört. Neben mir: Freude, immer noch gefesselt und geknebelt, nur noch leise vor sich hinwimmernd. Ihr schien das Licht gar nicht so viel auszumachen. Kein Wunder, sie hatte ja selber leuchtende Augen. Meine hingegen hatten seit sieben Jahren kein Licht mehr gesehen, dass nicht der Lampe aus Franks Zimmer oder ihren Augen entsprang.
Bevor sie sich mir zuwandten, banden sie Freude los und trugen sie hinaus. Es war das letzte Mal, dass ich sie je zu Gesicht bekam. Dann nahmen sie sich meiner an. Ich konnte ihnen nichts mehr vormachen. Sie sahen in mir nur den Dieb und Entführer, der ich auch wirklich war. Sie rissen meine Augen mit Gewalt auf und ließen mich in das blendende Licht starren, bis ich nichts mehr sehen konnte obwohl meine Augen noch offen waren. Dann hoben sie mich gemeinsam hoch und setzten mich wieder auf den Folterstuhl. Sie banden mich mit denselben Fesseln an ihn, die ich verwendet hatte, um Freude zu binden. Dann drehten sie den Stuhl um, sodass ich mit dem Gesicht zur Wand saß und machten das Licht wieder aus, sodass ich nie mehr wissen würde, ob ich denn nun wirklich blind geworden war von dem Licht, oder ob es einfach nur dunkel war im Kerker. Ich erfuhr nur, dass ich unmittelbar mit dem Gesicht zur Wand saß, weil ich versuchte, mit den Zähnen meine Fesseln von den Händen zu lösen und bei dem Versuch unsanft mit dem Gesicht auf der Wand aufschlug.
Das alles ist schon Jahre her. Jetzt sitze ich hier auf dem Stuhl und versuche meine Gedanken zu ordnen. Ich wollte euch einmal eine Vorstellung von meinem Leben geben, damit ihr nicht etwa meint, ich würde mich hier mit Frank vergnügen. Frank meint vielleicht, sein Leid hätte jetzt ein Ende gefunden und er könne sich vergnügen, weil er mich erledigt hat. Doch so einfach ist das Ganze nicht. Immerhin bin ich ja noch immer am Leben. Wer schon tot ist, kann nicht sterben.
Kapitel 5 – Das Geheimnis
Und nun zurück zum Geheimnis. Immerhin habe ich es euch ja versprochen. Das Geheimnis ist: Der einzige Weg für Frank, mich ein für alle mal umzubringen, wäre es, sich selbst umzubringen, denn ich kann nur durch ihn leben. Ebenso bin ich das Einzige, was Frank noch auf dieser Welt hält. Wenn ich sterbe, dann wird Frank aus diesem zeitlichen Gefängnis befreit. Ja, wenn ich so darüber nachdenke, dann lohnt es sich für mich sogar, ihn noch etwas leben zu lassen, denn nur so kann ich seine Freiheit immer noch etwas weiter hinauszögern und so kann auch er, wenn auch nur andeutungsweise, erfahren, wie sich so ein Leben in der Gefangenschaft anfühlt.
Ich habe viel nachgedacht in meiner Blindheit. Ich hatte ja auch alle Zeit der Welt dazu. Frank schert sich nicht mehr um mich. Er hat den Krieg gewonnen und seine Freude hat er auch wieder. Beim ganzen Nachdenken habe ich mich plötzlich wieder an etwas erinnert, dass ich während der langen Jahre meiner Gefangenschaft ganz vergessen hatte: Ich war einmal ein freier Mann. Ich war mal Frank.
13 January 2016